Sonntag, 1. Dezember 2019

NewsFLESH III: Fleshcrawl & Cryptic Brood.

Erst kürzlich habe ich hier meine Vorfreude auf das angekündigte neue Fleshcrawl-Werk kundgetan, und nun ist es endlich erschienen. Die bayrische Band kann man hier gemäß unseres Duktus auf Music Most Foul getrost als “Gründerväter” bezeichnen, gibt es Fleshcrawl doch bereits seit 1987. Deren ersten Full-Length-Release von 1992, “Descend into the Absurd”, habe ich zwar erst ein paar Jahre später entdeckt, seit damals aber halte ich die damals gekaufte CD in sehr hohen Ehren.

Produziert wurde das Werk damals in den Stockholmer Montezuma Studios von Boss aka Börje Forsberg, dem Vater des viel zu früh verstorbenen Quorthon (über dieses geniale Vater-Sohn-Gespann und ihre Bathory-Produktionen könnte man ein eigenes Buch schreiben). Das ist deswegen wichtig, weil “Descend into the Absurd” noch anders klingt (und andere Einflüsse hat) als die späteren Produktionen - über diesen Klassiker habe ich ja auch hier schon einmal geschwärmt. Unter den Händen der “schwedischen Meister” Dan Swanö und Peter Tägtgren entwickelte sich Fleshcrawl dann zu einer waschechten Schwedendeath-Band in der Tradition des ehrwürdigen Trios Entombed, Dismember und Grave.
Und von Grave kommt auch der genial schleppende Einfluss, den Fleshcrawl-Fans so lieben: Mitten im härtesten Geknüppel wird immer wieder mal gerne ordentlich auf die Bremse getreten. Das erinnert mich immer an einen ewig langen Güterzug, der auf offener Strecke heruntergebremst wird; der Zug wird langsamer, aber man spürt quasi das Zittern der vielen Pferdestärken, die für kurze Zeit mühsam gebändigt werden - und wenn dann wieder Fahrt aufgenommen wird, dann röhren die Maschinen, das es eine reine Freude ist.

Also: All diese über die vielen Jahre und Releases liebgewordenen Qualitäten findet man auf “Into The Catacombs Of Flesh” und zwar in absoluter Vollendung. Es wäre Irrsinn, wenn Fleshcrawl nach so vielen Jahren und Releases ihren Stil ändern, bzw. "modernisieren" würden. Stattdessen setzen sie auf ihre Erfahrung und haben ihre Stärken weiter optimiert. Das Ergebnis: Hammerharte Death Metal-Songs mit hohem Mitgrowl-Faktor und äußerst memorablen Hooklines - das macht auch die Liveauftritte von Fleshcrawl zu einem unvergesslichen Erlebnis, wie ich das dieses Jahr beim Vienna Metal Meeting persönlich erleben durfte.


Gerade in Zeiten, in denen der Boss HM-2-Sound durch den Erfolg von Bands wie Gatecreeper wieder ganz populär geworden ist, sollte man sich einen Leckerbissen wie “Into The Catacombs Of Flesh” auf keinen Fall entgehen lassen. Dieser spezielle "Buzzsaw"-Sound: das ist wie ein Bad in einer Tonne voll glühend heisser Nägel, oder wie wenn man ein eingeschaltetes Bügeleisen ableckt.


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Apropos Live: Um den von der in Wolfsburg beheimateten Band Cryptic Brood selbst definierten “Rotten Metal of Death” in vollem Umfang verstehen und geniessen zu können, sollte man unbedingt ein Konzert des sympathischen Trios besuchen. Denn deren gerade erschienes Werk “Outcome of Obnoxious Science” dürfte auf den unbedarften Hörer, der Death Metal nur mehr als brutale “Voll auf die 12”-Produktion kennt, vielleicht etwas ratlos machen.

Über die Jahre haben Cryptic Brood ihre komplexen Kompositionen zu voller Reife gebracht: Die schnelle, oft unvorhersehbare Abfolge von Rhythmuswechseln, drei verschiedene Arten von Screams/Growls, die oft in aus dem Gospel bekannter “Call-and Response”-Manier ausgeführt werden, sowie der recht karge, streng analoge und manchmal fast “akustisch” wirkende Sound sind eher was für den Gourmet als für den Gourmand.


Gerade im Metal tendiert man als Musikjournalist ja dazu, jedes neu gehörte Stück Musik sofort in eine Schublade zu stecken und von dort aus zu bewerten. Das fällt bei Cryptic Brood schwer, denn so viele Vorbilder für deren Werke gibt es eigentlich nicht. Ich würde vielleicht Repulsion und Necrophagia vorschlagen, aber Cryptic Brood sind ein dermassen singuläres Phänomen, das man ihnen mit zu viel Vorbildergequatsche eigentlich unrecht tut. Kollege Christian Popp von metal.de hat einen recht interessanten Vergleich gezogen - mit Winter, der legendären Death/Doom-Formation aus New York. ¹

Und so wie er würde auch ich dazu raten, “Outcome of Obnoxious Science” in eher kleinen Rationen zu geniessen, um die Vielschichtigkeit der einzelnen Songs geniessen zu können. Und wie weiter oben bereits erwähnt - wenn möglich, unbedingt live anschauen! Wenn man da nämlich mal in diesen speziellen Wirbel aus brachialen Riffs, zähen Passagen und den blitzschnellen Wechseln zwischen diesen hineingezogen wird, gibt es kein Entkommen mehr. Ich hatte am Tag nach dem Konzert jedenfalls ordentlich Nackenweh.



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