Montag, 27. Januar 2020

Gründerväter: Immolation.


Im heutigen OSDM, der sich ja meistens im äusserst fruchtbaren Spannungsfeld zwischen schwedischem HM-2-Sound und Florida-Sumpf bewegt (und durch Vermischung der beiden Pole, wie etwa bei Gatecreeper, absolut geniale Releases hervorbringt) vergisst man nur allzu gerne, daß damals, in den seligen Death Metal-Neunzigerjahren, auch eine sehr starke und eigenständige DM-Szene im Staat New York entstanden war, die sich sowohl sound- als auch kompositionstechnisch sehr deutlich absetzte und bis heute fortwirkt.




Ich als alter Death Metal-Nerd gebe allerdings gerne zu, daß mir die BIG 4 aus New York - Incantation, Immolation, Suffocation und Mortician, mit Ausnahme der letzteren Band in den 90ies nur dem Namen nach bekannt waren. Mortician fand man damals halt “cool” mit ihren grausmane Filmsamples am Anfang jedes Tracks und der wahnwitzigen Geschwindikeit ihrer Musik, getrieben von einem hektischen Drumcomputer. Die Band hat sich allerdings im Lauf der Jahrzehnte keinen Millimeter weiterentwickelt, und spielt bei der heutigen Qualität des OSDM keine wesentliche Rolle mehr. Und Suffocation fand ich immer sehr schwierig und unzugänglich - klar ist, daß gerade die mit ihren Slam-Parts zur sklavisch nachgespielten Blaupause des Metalcore geworden sind, aber das macht sie mir leider gerade nicht sympathischer (ungerecht, i know!).

Damit zu den Bands, die ich liebe: Sowohl Incantation als auch Immolation habe ich in meiner Laufbahn als Death Metal-Fanatiker erst sehr spät entdeckt. Das ist insofern gut, weil man als aufmerksamer Hörer dann schon Feinheiten entdeckt, die man früher einfach überhört oder als selbstverständlich hingenommen hätte. Incantation gelten heutzutage im OSDM ebenso wie Death und Autopsy als absolute Gründerband, über diese über alles verehrten Veteranen hab ich ja hier schon einmal ausführlich geschwärmt.


Und Immolation: auch die muß man zuallerst mal ausgiebig bewundern. Seit mittlerweile 30(!) Jahren sind die unterwegs, mit Gitarristen Robert Vigna und Bassist/Sänger Ross Dolan sind noch dazu zwei Gründungsmitglieder noch immer mit dabei. 10 Alben haben sie uns seither geschenkt (Demos, Splits und Compilations nicht mitgezählt). Und wirklich jeder Release ist ein bis ins letzte Element ausgetüftelter Meilenstein.

Serienkiller-Fantasien und Teufelswerk sucht man bei Immolation übrigens vergebens. Textlich geht es um das Anprangern des Konzepts “Religion” - vor allem an den Christen lässt Texter Dolan kein gutes Haar (sehr sympathisch!). Seit 9/11, wo Dolan laut einem Interview Familienmitglieder in den kollabierenden Twin Towers verloren hat ¹, ist eine sehr prägnante politische Komponente dazugekommen, und daß sein worldview nicht von Frohsinn und Heiterkeit geprägt ist, versteht sich klarerweise von selbst.


Ich würde Immolation ja eher nicht als Band bezeichnen, die für Neueeinsteiger ins Genre besonders geeignet ist. Immolation sind das genaue Gegenteil zu vorwärtsmarschierenden Formationen wie z.b. Bolt Thrower (R.I.P.); auch das “Hitpotential”, wie es Glen Benton als Komponist von zahllosen Deicide-Klassikern gezeigt hat, ist bei ihnen nicht vorhanden. Immolation sind technisch, allerdings nicht so brachial abstrakt wie ihre Kollegen Suffocation - die komplexen Riffs und korrespondierenden Drum Patterns verbinden sich mit harmonischen Parts zu kleinen Kunstwerken, deren Eingängigkeit immer wieder aufs Neue überrascht.

Stilistisch haben sich Immolation über die lange Zeit ihres Bestehens nicht groß verändert - zum Glück! Die spannende Hektik ihres Debüts “Dawn of Possession” (in jenem goldenen Schicksalsjahr des Death Metal 1991) hat sich mit der Zeit verfeinert, vertieft. Mir ist aufgefallen, das jeder Die-Hard-Immolation-Fan eine “Lieblingsepoche” hat - bei mir wäre das die “Spätphase”, so ca. von  “Majesty and Decay” und der EP “Providence” bis zu “Kingdoms of Conspiracy”. Hier verbindet sich das Zusammenspiel der komplexen Kompositionen Robert Vignas (der von vielen neben Erik Rutan als einer der versiertesten und talentiertesten Gitarristen des Death Metal überhaupt angesehen wird) mit den herrlich rauhen und trotzdem bestens verständlichen Growls von Ross Dolan zu einer meisterhaften Einheit. Stimme, Riff, Doublebass - trotz der vielen, verschiedenen Tempi schnurrt die OSDM-Maschine bestens geölt auf der tiefschwarzen Autobahn des Todes.

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¹ Interview im Decibel Magazine, Ausgabe 01/17, www.decibelmagazine.com

Hörtipps: Nicht ganz einfach bei so einer beeindruckenden Diskographie - hier meine höchst subjektiven Tipps:

Zum Einstieg würde ich die EP "Providence" empfehlen - da ist jeder Track ein edles Highlight:


Das Erstlingswerk von 1991 muss man natürlich kennen. Noch nicht so sophisticated wie Immolation später wurden, aber für die damalige Zeit natürlich ein Meilenstein - diese Art von Death Metal war damals absolut neu.


Ein persönliches Highlight für mich ist ausserdem noch "Harnessing Ruin" aus dem Jahr 2005 - viele Reviewer haben den Sound dieser Platte nicht gemocht, andere (so wie ich ) finden ihn genial. Dieser stumpfe Soundteppich steht Immolation ausgezeichnet, gefällt mir auch tatsächlich besser als der spätere, "klare" und definierte Sound ihrer Nuclear Blast-Ära. Wie gesagt, Geschmackssache...

 
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<DocN>
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